Titisee-Neustadt

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      Titisee-Neustadt

      Neustadt/Schwarzwald (heute: Titisee-Neustadt)


      Jugendwerk Schwarzwald e.V.
      mit Stützpunkten in Grabenstrasse, Schillerstrasse, Hauptstrasse (alle Neustadt) und im Nachbarort Friedenweiler

      Angeschlossene Heimschule (Haus Schillerstrasse)

      Das Heim existiert heute nicht mehr, es ging durch Konkurs zugrunde.

      RE: Titisee-Neustadt

      Vorbemerkung:
      Die folgenden Texte, in denen ich die ersten 11 Jahre meines Lebens zusammenfasse, habe ich schon einmal in einem anderen Forum verwendet. Ich habe sie nun nochmals durchgesehen und in Teilen überarbeitet.
      Da diese erste Phase meines Lebens schlussendlich in meinem Heimaufenthalt in Neustadt/Schwarzwald (heute: Titisee-Neustadt) mündete, den ich ausführlich darstellen will, stelle ich sie sinnvoller weise hier ein … auch in der Hoffnung, doch mal von dem einen oder anderen der Kumpane von einst zu hören und was aus ihnen geworden ist.

      =====================

      Teil 1/1
      Geboren wurde ich in einem verschnarchten württembergischen Städtchen unweit von Stuttgart. Mein Geburtshaus war ein Bauernhaus und unter dem Zimmer, in dem ich den ersten Protestschrei meines Lebens abließ muhten die Kühe.
      Meine Eltern wohnten dort aber nur als Untermieter – beide waren nach dem Krieg als Flüchtlinge in die kleine Stadt gekommen, hatten erst einmal Aufnahme im Schloss über der Stadt gefunden, in dem man ein Flüchtlingslager eingerichtet hatte und das später das Mutterdorf der „Christlichen Jugenddörfer“ werden sollte und als Kinder- und Fürsorgeheim geführt wurde.

      Meine Mutter stammte aus Oberschlesien, aus einer kinderreichen Familie von Kleinbauern, war mit 15 in die Obhut eines Diakonissenhauses im schlesischen Kreutzburg gekommen und hatte dort eine Ausbildung als Kinderpflegerin und Krankenschwester begonnen. Auf der Flucht vor der anrollenden Roten Armee über Böhmen ins österreichische Linz hatte sie den Kontakt zur Schwesternschaft verloren (zu meinem Glück, Diakonissen leben zölibatär und wäre sie eine geworden würds mich heute nicht geben), und wurde dann auf Umwegen ins Süddeutsche verschlagen, wo sie als „Dienstmädchen“ bei einer Bäckersfamilie für Kost und Logis und weniger als kärglichen Lohn arbeitete.

      Mein Vater war im niederschlesischen Langebielau aufgewachsen. Das ist für mich insoweit bedeutsam, dass ich mir gern vorstelle, dass meine Vorfahren an den Weberaufständen in den 1830er-Jahren beteiligt gewesen sein könnten, die in Langenbielau ihr Zentrum hatten. Mein Vater jüngster von drei Geschwistern, war in der Kindheit oft krank gewesen und galt in der Familie deshalb als zurückgeblieben, wenn nicht gar als Dummkopf. Meine Großmutter und ein älterer Bruder meines Vaters lebten nach der Aussiedlung aus dem nun polnischen Schlesien im thüringischen Sondershausen, eine Schwester im Ruhrgebiet. Über einen Großvater habe ich nie etwas erfahren, aus Andeutungen (vor Kindern spricht man ja nicht darüber) kann ich nur entnehmen, dass es in den 30er- oder 40er-Jahren eine unfriedlichen Scheidung gegeben haben muss. Den erwähnten Onkel habe ich nie wirklich kennen gelernt, aber wohl bei einigen Gelegenheiten gesehen. Wie ich 2 war haben wir die Großmutter in Sondershausen besucht und ich erinnere mich daran, auf einem Schlitten gesessen zu haben, mit dem mich jemand (mein Vater? der Onkel?) durch hohen Schnee zog (meine früheste Kindheitserinnerung). Irgendwann danach kam dieser Onkel zu einem Gegenbesuch ins Schwäbische, blieb nicht lang – aber es reichte aus, meinen Eltern dann weiteren Besuch einzubrocken – da fiel dann die politische Polizei bei uns ein - Kommunistenhatz war damals im ach so freien Westen en vogue und weil mein Onkel wohl kleiner SED-Funktionär gewesen sei soll nahm man an (so entnehme ich es Andeutungen) der wäre zum Agenten anwerben in den Westen gereist. Aberwitzig, aber in der verhetzten Atmosphäre der Adenauer-Zeit in den 50er-Jahren, in der Politik der Wiederbewaffnung, Westorientierung gar nicht so selten. Dass mein Vater kurz danach der SPD beigetreten ist (ein Umstand, der auch für mich bedeutsam werden sollte) hängt wohl damit zusammen, sich als Demokrat zu gerieren und vom Ruch des Kryptokommunisten zu reinigen – im Grunde war er ein völlig unpolitischer Mensch.

      Zurück in die 40er – meine Eltern lernten sich auf einem Volksfest kennen (und lieben) und heirateten genau eine Woche nach der Währungsreform … mit 40 Mark in der Tasche, dem „Kopfgeld“ meines Vaters. Das meiner Mutter hatte deren „Herrschaft“, diese sicher nicht armen Bäckersleute, einbehalten mit der Begründung, schließlich hätte man sie 2 Jahre lang „durchgefüttert“. Dass meine Mutter in dieser Zeit für eher kärglichen Lohn bei ihnen gearbeitet hatte fand man dabei nicht der Erwähnung wert.

      Ich bin der Mittlere von drei Brüdern, der Ältere wurde 3 Jahre vor mir geboren, der Jüngere 5 Jahre nach mir (und sollte eigentlich eine Ursula werden und wurde dann doch ein Hansi).
      Zu ihnen hatte ich schon früh ein Nichtverhältnis – ich konnte mich einfach nicht für die Dinge interessieren, die ihnen wichtig waren. Ich hab mich nie für Schlager oder Rockmusik interessiert, konnte mich nie fürs Fußballspielen oder sonstigen Sport begeistern und weil ich schon immer zwei linke Hände mit 10 Daumen hatte konnte ich auch mit dem Basteln von Modellflugzeugen oder dem Aufbau einer Modelleisenbahn nichts anfangen.

      Meine Eltern waren arbeitsame Leute!
      Meine Mutter stand jeden Morgen um 4 Uhr auf, trug Zeitungen aus, hat dann die Kinder versorgt und zum Kindergarten bzw. in die Schule geschickt, ging dann bei verschiedenen „Herrschaften“ putzen und hat später, wie mein Vater in einer der örtlichen Leimfabriken als Betriebsmaurer arbeitete da am Abend auch noch die Büros gereinigt. Dabei ging uns Kindern nichts ab – ihre Arbeitszeiten hat sie immer so gelegt, dass sie präsent war, wenn wir aus der Schule oder aus Kindergarten nach Hause kamen.
      Mein Vater arbeitete vor der Heirat als Schankknecht in einem örtlichen Gasthof (der später mal meine Stammkneipe werden sollte, weil sich dort unsere Polit-Gruppe traf und weil im Saal im Obergeschoss eine schon angejahrte ehemalige Primaballerina Tanzkurse anbot und mich vor jedem neuen Kurs bekniete, doch auch teilzunehmen, kostenlos natürlich, weils Damenüberschuss gab – zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich heute keinen Walzer, geschweige denn eine Rumba oder einen Foxtrott mehr hinkriegen würde), dann in einer Fabrik und endlich bei einem örtlichen Bauunternehmer. Später wechselte er zu einer der Leimfabriken (der Hauptindustrie am Ort) als Betriebsmaurer. Für unsere Familie bedeutete das das Ende der beengten Wohnverhältnisse – als Werkswohnung gab es ein Haus, immerhin 3 Zimmer, Küche, natürlich ohne Bad … dafür hatte man eine Zinkwanne und große Kessel, die jeden Samstag gefüllt wurden, um heißes Wasser zu bereiten. Darüber hinaus war mein Vater ein Meister der Schwarzarbeit (wie man das heute nennen würde) – damals waren solche Nachbarschaftshilfen (auch gegen Bezahlung) gang und gebe und keinen Finanzbeamten hätte es gekratzt. So manche Hofeinfahrten oder auch ein Mäuerchen in diesem Ort oder in einem der umliegenden Dörfer künden von seinem handwerklichen Geschick.

      Obwohl wir, nach objektiven Maßstäben, arme Leute waren hat uns Kindern nie etwas gefehlt, ob nun Bekleidung, die mitunter auch ratenweise abgestottert wurde oder Geld für Schulausflüge oder solche des Kindergartens – es wurde für Alles gesorgt.

      In den Kindergarten kam ich schon früh – ich war gerade erst 2 geworden, wie ich erstmals in den katholischen Kindergarten gebracht wurde. Dass ich den katholischen Kindergarten besuchen durfte hatte etwas mit der Zeitungsaustragetour meiner Mutter zu tun, er lag günstig auf ihrem Weg. Ansonsten wars keineswegs selbstverständlich, dass ich dort Aufnahme finden konnte – ich war protestantisch getauft und ein Ketzerkind in einer solchen Einrichtung, zu Zeiten, da Ökumene nur ein Fremdwort war, war keineswegs selbstverständlich. Ich weiß nicht, wie es meine Mutter zuwege brachte, dass man mich trotzdem aufnahm – jedenfalls besuchte ich nun den katholischen Kindergarten und traf dort auf meine erste große Liebe – auf Schwester Paula.

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      RE: Titisee-Neustadt

      Teil 1/2

      Schwester Paula war eine schon ältere Nonne, ich weiß nicht, von welchem Orden, mit schon grauen Haaren unter dem gestärkten Häubchen, einem stets raschelnden grauen Kleid und einer ebenso stets strahlend weißen gestärkten Schürze. Sie war liebevoll, freundlich zugeneigt und für ihre Zeit unerhört modern … das Leben in ihrem Kindergarten bestand nicht nur darin, Ringelreihen zu tanzen und in der Sandkiste zu buddeln - ihr Streben ging dahin, uns zu helfen, die Welt zu entdecken und ihren Geheimnissen nachzuspüren. Da gab es kleine naturwissenschaftliche Experimente, auch mal Ausflüge in die Weinberge oberhalb der katholischen Kirche, wo wir Insekten und andere Kleintiere beobachteten oder etwas über das Wachstum der Pflanzen erfahren konnten. Auch ihre tägliche Vorlesestunde diente Bildungszwecken – zwar las sie da vor allem Märchen vor, flocht aber immer wieder Erläuterungen ein, damit wir den Sinngehalt und auch den historischen Kontext besser verstehen konnten. In mir hat sie die Liebe zum Schauspielern geweckt, indem sie mich immer wieder ermunterte, bei Festen des Kindergartens einen Sketch aufzuführen oder eine Rolle in einem der einstudierten Schauspiele zu übernehmen. Dieses Schauspielern hatte vor allem den Effekt, dass es mit intensiver Sprachförderung verbunden war – wir haben so gelernt, uns auch vor großem Publikum verständlich und deutlich auszudrücken. Ich habe auch in den folgenden Jahren immer gerne geschauspielert, ob nun bei Schulaufführungen oder in einer Straßentheatergruppe – Grund gelegt hat das Schwester Paula.

      Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass sich kognitive Fähigkeiten, logisches Denken und dergleichen im Vorschulalter entwickeln – dass ich heute ein leidlich intelligenter Mensch bin habe ich wohl vor allem Schwester Paula zu verdanken (die an mir aus irgendwelchen Gründen einen Narren gefressen hatte und mich immer besonders umsorgte).

      Natürlich gabs auch religiöse Unterweisung und obwohl ich ein Ketzerkind war bin ich treu und brav in der Fronleichnamsprozession mitgedackelt und hab genauso begeistert wie meine Kumpane einen Birkenzweig geschwenkt. Und natürlich bin ich auch mitgegangen in die katholische Kirche, wenn aus irgendwelchen Anlässen die Kindergartenkinder dorthin getrieben wurden. Die neben dem Kindergarten liegende katholische Kirche habe ich aber auch aus anderen Gründen und in Begleitung zweier Kumpane aufgesucht … nach 16 Uhr, also, wenn wir vom Kindergarten nach Hause gingen, trafen sich dort alte Frauen zum Rosenkranzbeten und wenn wir denen was vorgesungen haben wanderte das eine oder andere „Zehnerle“ in unsere Taschen statt in den Opferstock.

      Kurz vor Ende meiner Kindergartenzeit ist Schwester Paula gestorben … am einen Tag war sie noch da und dann nie wieder. Vom Tod hatte ich damals keine Vorstellung und habe bei ihrem Begräbnis schrecklich geweint … ich konnte nicht begreifen, dass Schwester Paula nun in dieser Kiste liegt und eingebuddelt werden soll - die sollte doch lieber wieder zu uns in den Kindergarten kommen.
      In den folgenden Jahren (bis ich aus diesem Städtchen floh) habe ich ihr Grab immer wieder aufgesucht. Ich habe da nicht gebetet sondern still Zwiesprache gehalten, Schwester Paula all das erzählt, was mir widerfahren war an Gutem wie an Bösem. Mir hats geholfen, meine Gedanken zu klären und ich bin jedes Mal getröstet weggegangen – so wie früher, wenn sie mich auf den Schoß nahm und mir in meinen kleinen Kümmernissen beistand.

      Weshalb man mich um den Tag meiner Einschulung und um meine Zuckertüte betrogen hat und was das mit Tomatensauce, einem Zuckerhasen, rot gefärbten Haaren und mir, dem „bösem Kind“ zu tun hat will ich im nächsten Teil erzählen.

      RE: Titisee-Neustadt

      2.

      Ich weiß nicht mehr, wer auf die glorreiche Idee kam, dass mir vor der Einschulung ein Aufenthalt in einem Kinderkurheim gut tun würde – jedenfalls fand ich mich zur Osterzeit in einer solchen Einrichtung im Nordschwarzwald wieder.

      Dieses Kurheim war in einer alten, recht heruntergekommenen Villa am Rande eines Dorfs untergebracht und bot Platz für etwa 60 Kinder. Der Park darum herum genügte ganz sicher deutschen Ordnungsprinzipien – akkurat gestutzter Rasen (dessen Betreten natürlich verboten war), sauber geharkte Kieswege, eine übermannshohe Hecke um das ganze Grundstück und militärisch ausgerichtete kleine Tannen, die an den Wegeinmündungen gepflanzt waren.

      Was mir gleich auffiel war das bescheuerte Verhalten der „Tanten“, die uns zu betreuen hatten – immer nur am Grinsen und Lachen und Fröhlichkeit verbreiten, ob es nun passte oder nicht. Dazu befleißigten sie sich einer Sprache, die vielleicht Kleinstkindern angemessen gewesen wäre, aber nicht gegenüber 6jährigen.

      Mir hatte man vor der Verbringung in dieses Kurheim erzählt, ich würde da eine schöne Zeit haben. Die hatte ich – ungefähr 1 Stunde lang. Dann kam das Mittagessen und die schöne Zeit war vorbei.

      Es gab Spaghetti mit Tomatensauce und die Köche hatten nichts unterlassen, daraus eine kulinarische Katastrophe zu machen.
      Wollte ich das Rezept dieser seltsamen Sauce rekonstruieren würde es ungefähr wie folgt lauten: Man nehme eine Cherry-Tomate, halbiere sie (eine Hälfte kann dann in den Schweinekübel gegeben werden), entferne alle Kerne und Aromastoffe und schwenke dieses Produkt für viereinhalb Sekunden durch einen großen Kessel brodelnden Wassers.

      Kurz gesagt: es gab Spaghetti in einer rötlich gefärbten Wassersuppe, etwas versalzen und der Optik wegen mit ein paar Schnittlauchröllchen geziert, die zum Geschmack aber auch nicht beitragen wollten.

      Ich wollte es nicht essen, hab mich standhaft geweigert und auch das gute Zureden der „Tanten“ konnte mich nicht aus meiner Trotzhaltung lösen. Also hat man mich durch Wegnahme des Tellers bestraft … mir war es nur recht. Zwar knurrte mir der Magen, aber dieses Zeug hätte ich nicht runter gebracht.

      Mitunter neigte ich zum Jähzorn und der schlug beim Abendessen zu. Da hatten doch die „Tanten“ die Stirn, mir die wieder aufgewärmten Spaghetti mit Pseudo-Tomatensauce vorzusetzen. Eine Scheiß-Pädagogik, darauf abgezielt, den Willen des „bösen Kindes“ zu brechen. Ich habe meinem Frust recht lautstark Ausdruck gegeben und eine der Tanten kam, ging neben mir in die Hocke und redete auf mich ein. Ich war aber so im Zorn, dass gutes Zureden nicht mehr half – ich schnappte mir den Teller und kippte ihn über dem Kopf der neben mir hockenden Tante aus. Die redete nicht mehr, die schrie nur noch und ich wurde mit einem neu gefüllten Teller (die hatten wohl größere Vorräte an Pseudo-Tomatensauce) ins Treppenhaus verbannt, wo ich auf einer Stufe sitzend auslöffeln sollte was ich mir eingebrockt habe. Der Teller blieb auch nicht lange voll. Wer nachher das Treppenhaus aufwischen musste weiß ich nicht mehr – von mir haben sie es nicht verlangt. Ich wurde ins Zimmer gesperrt und mein Ruf als „böses Kind“ war gesichert. Immerhin – mit Spaghetti in Tomatensauce hat man mich in der Folge nicht mehr behelligt.

      Trotzdem waren diese 14 Tage Heimaufenthalt Horror – man ließ keine Gelegenheit aus, mir klar zu machen, wer das Sagen hat uhnd dass nur demütiges Wohlverhalten Heil bringt.
      Richtig gemein wurde es dann am Ostermorgen. Da stand beim Frühstück ein großer Osterhase aus Zuckermasse auf dem Tisch und nachher wurde für jedes Kind ein Stück davon abgebrochen – bloß nicht für mich, dem bösen Kind stand ein Stück dieser Köstlichkeit nicht zu. Ich hab geheult und gezetert und wie mir eine „Tanten“ noch spöttisch sagte, so ginge es eben bösen Kindern, bekam ich einen Wutanfall und hab den Frühstückstisch abgeräumt. Da gab es dann wieder lautes Schimpfen und Stubenarrest, während die anderen Kinder im Park Osternester suchen durften.

      Ich war heilfroh, wie dieser Kuraufenthalt endlich endete und ich mit anderen Kindern und einer Betreuerin im Zug nach Hause saß. Dort erwartete mich aber schon der nächste Frust … mein erstes Schuljahr hatte schon am Tag zuvor begonnen und man hatte mich so um die Schuleintrittsfeier und die obligatorische Schultüte mit Zuckerzeug betrogen.

      Wie ich unter professioneller Anleitung das Spielen lernte und was es mit Lehrer Mahr und langen Plastikzeigestöcken auf sich hatte will ich als Nächstes erzählen.

      Titisee-Neustadt

      3-2

      Die 5. Klasse

      Ich kam nun also auf die Hauptschule in die 5. Klasse – und damit zu Lehrer Mahr. Mahr war Österreicher, der nach dem „Zusammenbruch“ im „Altreich“ hängen geblieben war, durch eine Kriegsverletzung gehbehindert. (Hier hatte ich noch zwei Sätze geschrieben und mich dann durch deren Streichung selbst zensiert … beleidigende Bemerkungen sind in diesem Forum ja nicht erwünscht). Mahr war, ums dezent anzudeuten, ein bösartiger Mann, stets schlecht gelaunt, als Pädagoge eine Katastrophe, reizbar, zynisch, aufbrausend, wenig kontrolliert.
      Es war bekannt, dass er sich in jedem Schuljahr einen besonderen „Liebling“ unter den Schülern herauspickte, dem er dann besondere Aufmerksamkeit widmete und den er dann nach Herzenslust schurigeln und quälen konnte. Mit Mahr, der sehr auf Disziplin bedacht war, hatte ich schon vorher die eine oder andere Auseinandersetzung gehabt, wenn der etwa die Pausenaufsicht auf dem Schulhof führte und wo er dann mit Kasernenhofton Verhaltensregeln rausbrüllte.
      Nun war Mahr also mein Klassenlehrer und ich erhielt das Privileg, für dieses Jahr die Zielscheibe seiner Aggressionen abzugeben.
      Mahr bediente sich im Unterricht langer Zeigestöcke aus Plastik, mit denen er auf der Tafel oder auf Landkarten nach Herzenslust herumfuhrwerken konnte. Allerdings ließen sich die auch anders verwenden. Ich habe öfter mit diesen angeblich unzerbrechlichen Dingern Bekanntschaft gemacht, allein in diesem Jahr hat er auf meinem Hintern zwei von diesen Zeigestöcken zerbrochen. Als Anlass reichte es schon, ein Schulbuch nicht dabei zu haben oder während eines Diktats um Unterbrechung zu bitten, weil die Tintenpatrone leer war und gewechselt werden musste.

      Von zu Hause bekam ich keine Rückendeckung, mein Vater stand auf dem Standpunkt, was ihm in seiner Schulzeit nicht geschadet hat würde mir nur gut tun.

      Meine schulischen Leistungen sackten ab, ich wurde nervös, ängstlich, bin jeden Tag mit Grausen zur Schule gegangen. Ich fing an zu stottern, flüchtete mich in eingebildete Krankheiten und konnte dem Horror doch nicht entkommen.

      Meine „Spielstunden“ bei Frl. Zimmerle setzten sich fort (wenn auch reduziert auf eine Stunde in der Woche) und auch ihr fiel auf, dass ich weniger konzentriert, stets nervös war. Ich weiß nicht, warum ich ihr nie erzählt habe, wie es mir in der Schule ging, sie hätte vielleicht helfen können. Ich kam gar nicht auf die Idee, mich einem Erwachsenen anzuvertrauen, vielleicht, weil ich mich geschämt habe für die Rolle, in die ich in der Schule gedrängt worden war.

      Eines Tages kam ich zur Spielstunde, fand Frl. Zimmerle aber nicht in ihrem Therapieraum und bin auf der Suche nach ihr ins Büro der für mich zuständigen Fürsorgerin geplatzt. Da saßen meine Mutter, Frl. Zimmerle, Lehrer Mahr und die Fürsorgerin in trauter Runde, über mein weiteres Schicksal zu beschließen. Natürlich hat man mich gleich wider weggeschickt, ihr Geschwätz war ja nicht für meine Ohren bestimmt. Jedenfalls muss an diesem Tag beschlossen worden sein, mich ins Heim zu geben, ich selber hab das erst kurz vor dem Tag der Abreise und eher nebenbei erfahren. Mir war es sehr recht. Zwar war ich vor diesen Osterferien in die 6. Klasse versetzt worden, aber auch im Folgejahr wäre Mahr mein Klassenlehrer geblieben. Alles andere erschien mir besser als noch ein weiteres Jahr unter seiner Knute.

      An einem der letzten Tage der Osterferien, es war ein Sonntag, saß ich in Begleitung meiner Mutter im Zug, der mich in den Hochschwarzwald bringen sollte. Das Ziel war die Stadt Neustadt unweit des Titisees (heute Titisee-Neustadt) und dort sollte ich nun im Heim des „Jugendwerk Schwarzwald e.V.“ Aufenthalt nehmen und zwecks der bessern Bildung die Heimschule besuchen.

      Das „Jugendwerk Schwarzwald e.V.“ war in den 50er-Jahren als kleine Einrichtung gegründet worden, hatte dann durch Kinder aus den Überschwemmungsgebieten der Sturmflut in Hamburg Anfang der 60er erstmals expandiert und befand sich, wie ich dort ankam, in einer weiteren Vergrößerungsphase. Zum Haupthaus in der Neustädter Grabenstrasse (heute Kolping-Strasse), unweit des Münsters, waren zwei weitere Standorte dazu gekommen, einer im Nachbarort Friedenweiler, das zweite in der Schillerstrasse.
      Das Objekt in der Schillerstrasse war eine ehemalige Handelsschule mit Hörsaal und weiteren Unterrichtsräumen, im Erdgeschoss fand sich ein großer Speisesaal mit Küche.

      Der „Chef“, wie er sich gerne nennen ließ, Gründer des Heims und Heimleiter, soll im Krieg Berufsoffizier gewesen sein, hatte dann in der Nachkriegszeit mehrere Pflege- und Adoptivsöhne zu sich genommen und dann seine Begeisterung für Jungen zum Broterwerb gemacht. Von der Ausbildung her war er sicher nicht für diese Position qualifiziert, aber das wurde in der damaligen Zeit in der Heimerziehung auch nicht so wichtig genommen. Jüligers wirtschaftlicher Sachverstand war ganz sicher nicht sehr entwickelt … das ständig Erhöhen der zur Verfügung stehenden Heimplätze hatte etwas von einem Schneeballsystem an sich … so kam immer mehr Geld herein, um Löcher im Budget zu stopfen. Der Heimleiter ließ es sich dabei nicht schlecht gehen – sein Dienstwagen war ein Opel Diplomat, eine Limousine vom Typ Schlachtschiff und das am Bodensee gelegene, angemietete Ferienobjekt wurde vom Heim 4 Wochen im Jahr genutzt und ansonsten vom Heimleiter, der sich meist an den Wochenenden in Begleitung eines Jungen dorthin zurückzog.

      Die Schule muss man sich als eine auf Dorfschulniveau vorstellen – wie ich dort ankam gab es nur 2 Klassenräume. Der ehemalige Hörsaal der Handelsschule, ein Raum mit aufsteigenden Rängen, war den Hauptschülern vorbehalten, 5. bis 8. Klasse in einem Raum, im Nachbarsaal saßen die, wie man das damals noch nannte, Hilfsschüler.

      Unser Lehrer, auf dessen Namen ich mich nicht mehr besinnen kann, war seinerzeit mit den Hamburger Jungs aus den Flutgebieten in den Hochschwarzwald gekommen, dort nach deren Rückkehr nach Hamburg geblieben und hatte dann die Leitung dieser seltsamen Heimschule übernommen. Er war schon älter, abgeklärt, wurde nie laut und zog seinen Unterricht durch, ob wir nun aufpassten oder nicht – das war egal.
      Mit der Übernahme dieser Handelsschule war dem Heim auch eine Etage im damit verbundenen Nachbarhaus zugekommen. Dort quartierte man, wie ich da ankam, erst mal alle Neuaufnahmen ein. Die Räume waren nur unzureichend ausgestattet, Schränke gab es gar nicht, man verwahrte seine Klamotten im Koffer unter dem Etagenbett. Erst nach ein paar Tagen kriegten wir wenigstens einen Tisch und ein paar Stühle mit reingestellt. Es gab 2, später 3 Schlafräume, in dem jeweils 3 Doppelstockbetten standen. Ein weiteres Zimmer war als Aufenthaltsraum gedacht, aber so ungemütlich, dass wir uns lieber in den Schlafräumen aufgehalten haben (später wurde auf einen Aufenthaltsraum verzichtet und dort ebenfalls ein Schlafraum eingerichtet). In einem kleinen Zimmer zwischen den beiden Schlafräumen wohnte die Erzieherin (die aber nicht lange blieb, schon nach wenigen Tagen dass Handtuch warf). Weiter gehörte noch eine große Wohnküche dazu, die aber völlig leer geräumt war, daneben ein Bad, einzige Möglichkeit, sich zu waschen oder auf Toilette zu gehen. Wie wir das hielten blieb uns selber überlassen, auf Körperhygiene wurde erst bestanden, wenn einer wirklich anfing zu stinken.

      Wie ich dort ankam waren wir in der Schillerstrasse alle Neulinge, verunsichert, sicher auch ängstlich ob der ungewohnten Situation. Unter dieser Situation hatten wir „Kleinen“ besonders zu leiden, weil die älteren Jungs ihre Frustration in Aggression umsetzten. Ich gehörte zu den Jüngsten und weil ich mir gleich zu Anfang einen Fauxpas leistete wurde ich rasch in diese Opferrolle gedrängt.

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      Titisee-Neustadt

      4.

      Schillerstrasse I


      Meine Mutter hatte mich im Heim abgeliefert und ich saß etwas verloren im Aufenthaltsraum. Niemand kümmerte sich um mich und um der Langeweile zu entgegen suchte ich nach Lesestoff. Das Einzige, was ich auf einem verstaubten Regal finden konnte war eine Bibel. Die hab ich mir geschnappt, mich in eine Ecke gehockt und angefangen zu lesen. So fand mich die Erzieherin und wie sie sah, was ich da las wollte sie von mir wissen, ob ich denn fromm sei. Ich dachte, es gefällt ihr, wenn ich ja sage. Damit hatte ich schon verloren. Diese dumme Pute hatte nichts Besseres zu tun als alle Jungs anzusprechen und ihnen zu sagen, sie sollten mich gefälligst in Ruhe lassen, weil ich ja so ein frommes Kind sei.
      Überflüssig zu erwähnen, dass mich das für die großen Jungs erst richtig interessant machte. Ein Nackenschlag oder ein Katzenkopf im Vorübergehen war noch das Mindeste … einige Male bin ich auch kräftig verprügelt worden und dann gab es noch ein paar andere Vorfälle mit zwei der Großen, die (nicht nur) mich auf den Dachboden zerrten, um sich von mir/uns „bedienen“ zu lassen, wie sie das nannten.

      Nachdem unsere Erzieherin schon nach einer Woche das Handtuch geworfen hatte, hat der Heimleiter wohl genauer hingeschaut, was sich da in der Schillerstrasse abspielte. Aus irgend einem Grund hatte ich bei ihm einen Stein im Brett und wie er registrierte, dass ich unter den großen Jungs nicht gut aufgehoben war hat er beschlossen, mich ins Paradies zu schicken – raus aus der Schillerstrasse und in die Zweigstelle im benachbarten Friedenweiler.

      Titisee-Neustadt

      5.

      FRIEDENWEILER

      Die ehemalige Klosterstadt Friedenweiler liegt einige Kilometer nordöstlich von Neustadt. Die Außenstelle des Heims war in einem Haus am Ortsrand untergebracht. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt waren wir ungefähr 15 Jungs im Alter von 8 bis 11 Jahren, die da von einem Erzieher, den wir Onkel Hans zu nennen hatten, betreut wurden. Unterstützt wurde er von einer älteren Frau, der Tante Liesel, an der wir alle mit einem Gefühl von Liebe hingen, sie war eben so etwas wie eine Art Mutterersatz. Sie kochte und wusch und versorgte das Haus und war der ruhende Pol in unserem „Männerchaos“.

      Wenn ich in meinem vorhergehenden Beitrag schrieb, die Verlegung von der Schillerstrasse nach Friedenweiler sei wie der Aufstieg ins Paradies gewesen ist das natürlich nur die halbe Wahrheit – verglichen mit der Schillerstrasse war es fast paradiesisch, aber natürlich gab es auch in Friedenweiler Schattenseiten, auf die ich noch zu sprechen kommen werde.

      Zur Schule wurden wir jeden Tag unter der Woche nach Neustadt gefahren, dazu kamen morgens zwei VW-Kleinbusse (der grüne und der rote, wie wir immer sagten), uns aufzunehmen. Nach der Schule und nach dem Mittagessen im Speisesaal in Neustadt wurden wir wieder zurückgebracht. (Nur am Wochenende und in Ferienzeiten bekamen wir in Friedenweiler auch unser Mittagessen und weil Tante Liesel ausgezeichnet kochen konnte war das allemal besser als der Fraß, den uns der dicke Koch im Speisesaal in der Schillerstrasse anbot). Nach der Rückreise nach Friedenweiler folgte erst mal die Erledigung der Schularbeiten (unter der gestrengen Aufsicht von Onkel Hans), danach ließ man uns frei laufen. Gleich hinter dem Haus konnten wir in dunkle Wälder eintauchen, in denen wir uns bald so gut auskannten wie in unseren Hosentaschen und auch im Ort haben wir uns viel herumgetrieben, am Klostersee oder in dem flachen Hochtal, das am Abhang unter dem Heimgelände jenseits der Strasse nach Neustadt begann und sich so weit erstreckte wie das Auge reicht.

      In Friedenweiler hatte ich rasch Freunde gefunden. Da war Jens, so alt wie ich, im Grunde ein kotzbrockiger Rabauke (eben ganz anders als ich und gerade dafür habe ich ihn bewundert), aber einer, mit dem man durch dick und dünn gehen konnte. Dann war da noch der tapsige Gebhard, der noch dicker war als ich und der kleine flinke Erwin, ein Energiebündel, immer fröhlich und gut gelaunt.

      Wir vier, ungefähr zur gleichen Zeit in Friedenweiler angekommen zogen an den Nachmittagen meist gemeinsam los, diese neue Umgebung zu entdecken. Mit den Kindern aus dem Ort hatten wir keinen Kontakt, wir waren uns selbst genug. Wir zogen durch die nahe gelegenen Wälder, wo wir bald unsere Lieblingsplätze hatten und wenn wir uns mal gruseln wollten sind wir in die ehemalige Klosterkirche gegangen … da lagen unter dem Hochaltar prachtvoll geschmückte Gerippe in gläsernen Särgen. Erst unlängst habe ich durch Kramen im Internet herausgefunden, dass es sich da wohl um Märtyrerüberreste aus römischen Katakomben handeln soll, die dem einstigen Nonnenkloster zugekommen waren. Ob diese Reliquien tatsächlich echt sind sei mal dahin gestellt – falsche Reliquien hat man zu allen Zeiten gern fabriziert, um Klöster und Kirchen zu versorgen.

      Im Flur des Heims in Friedenweiler hing gleich neben dem Treppenaufgang zum Obergeschoss ein Kälberstrick an der Wand, den sich Onkel Hans bei dem benachbarten Bauern besorgt hatte. Der sollte uns mahnen, immer brav und artig zu sein, weil: wenn wir es nicht waren gab es mit diesem Strick was hinten drauf, meist auf den blanken Po. Mich hat es in den 5 Monaten, die ich in Friedenweiler war, nur zwei mal erwischt (mein frecher Kumpel Jens war sehr viel öfter dran). Der erste Anlass war eigentlich sehr banal. Wir waren im Schwimmbad in einem Nachbarort gewesen und beim umziehen hatte ich meine Unterhose verbummelt. Ich weiß bis heute nicht, wie das geschehen konnte – vielleicht hatte sie jemand geklaut (es soll ja Leute geben, die auf benutzte Knabenunterwäsche „stehen“) oder einer meiner sauberen Kumpane hatte den Schlüpper versteckt, um mich zu ärgern. Jedenfalls musste ich unten ohne in meine Lederhosen steigen und nach der Rückkehr im Heim hab ich ganz unschuldig Onkel Hans mein Leid geklagt. Ich hätte es besser lassen sollen - der wurde nämlich richtig sauer, brüllte mich an, ich könne wohl nicht auf meine Sachen achten und zerrte mich in den Flur, um zum Kälberstrick zu greifen. Nun hatte ich meine Lederhosen an und weil er nicht auf die Idee kam, dass ich die runterlassen sollte tat es nicht besonders weh – der Form halber habe ich gezetert und geheult und nachher war es rasch vergessen.
      Der zweite Anlass war schone ernster. Im Hochtal, vielleicht einen Kilometer vom Heim entfernt stand ein aus Brettern und Balken gefügter kleiner Schuppen mit gedecktem Dach. Wir haben uns, es muss wohl in den Sommerferien gewesen sein, einen Spaß daraus gemacht, auf dieses Dach zu steigen, die Dachpfannen heraus zu brechen und von da oben herunter zu werfen … das schepperte so schön, wenn sie zerbrachen. Dabei hat uns der Bauer, dem der Schuppen gehörte, erwischt und natürlich tauchte der im Heim auf, sich zu beschweren und Schadenersatz zu verlangen. Onkel Hans war auf 180 und diesmal mussten wir hosenlos antreten, uns unsere Tracht Prügel abzuholen. Darüber hinaus kriegten wir eine Woche Stubenarrest verpasst (und das bei schönstem Sommerwetter). Das hat mich aber nicht weiter interessiert, am Folgetag kam nämlich meine Mutter, mich für 3 Wochen Heimaturlaub abzuholen, so dass der Stubenarrest nur meine Kumpane traf. Wie ich nach diesen drei Wochen zurück gebracht wurde war die ganze Sache vergessen und diesmal musste ich nicht „nachsitzen“.

      Das Haus in Friedenweiler, auch der Boiler im Bad, wurden mit Holz beheizt und so mussten wir immer wieder alle gemeinsam ausrücken, in einem bestimmten Waldstück Bruchholz zu sammeln. Der Bauer vom benachbarten Hof kam dann mit seinem von Pferden gezogenen Pritschenwagen, auf dem wir das gesammelte Holz aufstapelten, um es zum Heim zu transportieren. Wir haben das ganz gern gemacht, das war immer mit einem Picknick im Wald verbunden und an den schweren Rückepferden, die den Wagen zogen und auch eingesetzt wurden, größere Stämme aus dem Dickicht zu ziehen hatten wir ohnehin einen Narren gefressen.

      Mit dem Ende des Sommers endete auch meine Zeit in Friedenweiler. Ich weiß nicht, aus welchen Gründen man so entschieden hat, jedenfalls wurde beschlossen, die jüngeren „Hilfsschüler“ in Friedenweiler zusammen zu fassen. Die Hauptschüler wurden in die Schillerstrasse verlegt, unser Quartett gab es dann nicht mehr … Erwin mussten wir zurück lassen.

      Ich hatte ja anfänglich etwas Schiss, wie es hieß, ich müsste wieder in der Schillerstrasse wohnen – ich hatte ja dort so meine Erfahrungen gemacht. Aber dort sah es inzwischen ganz anders aus, die großen Jungs, die uns gequält und missbraucht hatten waren in die Grabenstrasse umgezogen und es gab eine neuen Erzieher, von dem alle schwärmten – aber davon will ich ein andermal erzählen.

      Bild: Klosteranlage in Friedenweiler
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      RE: Titisee-Neustadt

      9.

      DAS ENDE


      An einem Morgen, das muss so kurz nach Pfingsten gewesen sein, fiel der Unterricht aus, wir blieben uns selber überlassen. Erzieher, Lehrer und anderes Personal kamen hinter verschlossener Tür zu einer Krisensitzung zusammen. Zum Mittagessen gab es nur schwach gesüßten Grießbrei, ohne Kompott, ohne Zimt und Zucker wie sonst und wie wir uns beim Koch beschweren wollten wegen diesem Fraß platzte dem der Kragen … aus Nichts könne man nichts kochen und diesen Grießbrei hätten wir im Übrigen unserer Lehrerin zu verdanken, die für die Zutaten gesorgt habe.

      Dann machten erste Gerüchte die Runde. Der Chef sei verschwunden, das Heim wäre pleite und sollte aufgelöst werden.

      Man ließ uns mehrere Tage im Ungewissen, Unterricht fand gar keiner mehr statt. Die Küche bot wieder halbwegs vernünftiges Essen an, finanziert aus Spenden der Lehrer und Erzieher.
      Dann verschwanden die ersten Jungen aus der Schillerstrasse, von Eltern oder Jugendämtern abgeholt und entweder wieder nach Hause entlassen oder anderweitig untergebracht. Jens war plötzlich auch nicht mehr da, das ging alles so schnell, dass er sich nicht einmal verabschieden konnte. Auch Dieter und Gebhard haben das Heim vor mir verlassen, ich war der letzte aus der Viererbande, der noch da war. Von meinen Kumpanen habe ich nie wieder etwas gehört.

      Wie wir nur noch zu viert waren in der Schillerstrasse mussten wir ins Haupthaus des Heims, in die Grabenstrasse umziehen, wo man alle Jungs, die noch in den verschiedenen Häusern lebten, zusammenfassen wollte. Wir hausten da in recht beengten Verhältnissen, für mich gab es zum Beispiel nur eine Matratze auf dem Fußboden eines Gruppenraums.

      Dass ich länger blieb als andere hatte einfach technische Gründe. Meine Eltern hatten damals noch kein Telefon, so dass das benachrichtigte Jugendamt sie erst mal per Brief kontaktieren musste. Meine Mutter muss dann alles stehen und liegen gelassen und den nächsten Zug genommen haben, um mich abzuholen. Schon da hatte sie dem Jugendamt gegenüber mündlich, nachher auch schriftlich die Zustimmung zu meiner weiteren Heimunterbringung zurückgenommen.

      Es gab noch einiges an Aufregung, nun galt es, meine Habe zusammen zu kramen. Meine Mutter konnte, wenn es drauf ankam, sehr energisch werden und das hat die T. zu spüren bekommen. Wie wir bei der in der Schillerstrasse vorstellig wurden, um das, was in der Wäsche war zurückzufordern hat T. zuerst so getan als wüsste sie gar nicht, um was es geht und uns dann einen großen Haufen an Schmutzwäsche gezeigt und schnippisch angemerkt, da könne man sich bedienen. Wir haben uns 2 Stunden lang durch diese Schmutzwäsche gewühlt, bis wir das Meiste von dem, was mir gehörte, gefunden haben.
      Meine Mutter war zornig und ich war frustriert und hab dann kackfrech von der T. mein Kasperle-Theater zurück verlangt. Zu meiner Überraschung (mit meiner Mutter wollt sie sich wohl nicht anlegen) hat sie es auch anstandslos rausgerückt, ohne auf Rückgabe der 5 Mark zu bestehen. Erst, wie wir alle Sachen zur Grabenstrasse zurück geschleppt haben ging mir auf, dass ich das Kasperle-Theater kaum auf der Zugfahrt würde mitnehmen können (wir hatten schon so viel Gepäck) und da hab ich es dann in der Grabenstrasse einem Jungen aus meiner Klasse geschenkt.

      Meine Mutter muss in Neustadt übernachtet haben, wir sind jedenfalls erst am nächsten Morgen in den Zug gestiegen.

      Damit war das Kapitel Neustadt für mich weitestgehend abgeschlossen. Es gab aber „Nachwehen“ – dazu in einem weiteren (und diesmal wirklich letzten) Beitrag mehr.
      Ja Fritz das war auch meine Zeit Mitte der 60er die meisten Personen kenne ich auch noch. und den Schluß von Jüliger habe ich miterlebt,danach gings nach Altshausen und dann in Dein Schloß den Umlauf habe ich ankommen sehen und er wurde nach meiner Meldung entlassen .vieleicht später mehr ?? lass mal von Dir hören gruß Siggi

      Na und überhaupt

      Hallo Neustädter,
      Erstmal mein Kompliment zu deinem recht ausführlichen Bericht über die Zustände vom Jugendwerk. Auch ich habe dazu einiges zu vermelden, da ich als einer der ersten Jungs nach Neustadt kam und als einer der letzten das Heim wieder verlassen habe. Mein Name ist Otto gewesen und ich glaube, fast und wirklich fast alle gekannt zu haben.
      Werde zu einem späteren zeitpunkt einen sehr ausführlichen Bericht schreiben, da in Neustadt und da speziell in der Grabenstrasse weit mehr passiert ist.
      Bis bald
      Otto

      ich habe c Trompete gespielt bei üliger

      hallo,ich habe deine Geschichte hier gelesen,da sind einige Passagen wo ich alles nicht mehr verschwommen sehe (habe es verdrängt) sonder so klar wie Wasser nur sein kann...im übrigen ich habe in der Schillerstr...drüben im Neubau gewohnt,oben unter dem Dach.....die Front zur Strasse bestand aus lichtdurchlässigen Glasbausteinen......
      melde dich doch mal würde mich freuen.

      gruß Thomas
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